Fragen an Malek Bou-Diab, Portfolio Manager, Bellevue Asset Management AG, Küsnacht, www.bellevue.ch
Herr Bou-Diab, in Ägypten finden rund ein Jahr nach den Volksunruhen
die ersten freien Präsidentschaftswahlen in der Geschichte statt. Es steht
die zweite Wahlrunde mit zwei Kandidaten an. Was ist von Ihnen zu erwarten?
Das Ergebnis der ersten Runde überraschte sowohl die Wahlbeobachter als
auch die Bevölkerung. Während die Prognosen auf ein Rennen zwischen
dem ehemaligen Aussenminister Amr Moussa und dem Islamisten Moneim Aboul Fotouh
hindeuteten, setzten sich schliesslich mit Mohamed Mursi und Ahmed Shafiq die
zwei am meisten polarisierenden Kandidaten durch. Beide Kandidaten vertreten
wirtschaftsfreundliche Positionen.
Wie verhalten sich die Investoren im Angesicht dieser Wahlen?
Der Tenor an den Märkten zeigt, dass sich die ausländischen Investoren
für den Moment noch zurückhalten, während lokale Anleger in
Schwächephasen zukaufen. Letztere sind deutlich positiver gestimmt, was
die langfristigen Aussichten betrifft. Vereinzelte Kommentare über ein
Scheitern der Revolution sind unseres Erachtens deutlich verfehlt, war doch
der Volksaufstand erst der Anfang eines mehrjährigen Transitionsprozesses.
Dass die ersten freien Wahlen in der Geschichte des Landes weitgehend friedlich
und fair verlaufen sind, ist klar als Erfolg zu werten.
Was ist Ihre Einschätzung des Zwischenergebnisses aus Investorensicht?
Die langfristige wirtschaftliche Prosperität steht bei beiden Kandidaten
im Zentrum und weit vor radikalen bzw. islamistischen Programmen. Liberalisierungen,
Privatisierungen oder Steuererleichterungen bilden Themenschwerpunkte in den
Agenden von Mursi als auch von Shafiq. Beide vertreten sie unternehmensfreundliche
Reformen und Massnahmen zur Stärkung der Fiskalposition des Landes. Zwecks
Legitimierung ihrer künftigen Regierungen werden auch soziale Programme
angesprochen. Mit dem Verdikt gegen den früheren Machthaber Mubarak wurde
zudem Anfang Juni ein weiterer Unsicherheitsfaktor aus dem Weg geräumt.
Gibt es also keine Risiken mehr bezüglich Ausgang des zweiten Wahlgangs?
In Bezug auf den Wahlausgang nach dem 17. Juni bleibt ein politisches Risiko
bestehen, sollte der Gewinner von der Bevölkerung nicht akzeptiert werden.
Darüber hinaus bleibt die übliche Frage nach der Umsetzung der während
der Wahlkampagnen gemachten Versprechungen, so bringt keiner der Kandidaten
einen echten politischen Leistungsausweis mit.
Wie sollten sich interessierte Investoren derzeit positionieren?
Die Finanzwelt will Ergebnisse viel zu früh und viel zu schnell – politische,
soziale und wirtschaftliche Transitionsprozesse benötigen ihre Zeit. Doch
ist positiv zu vermerken, dass sich die ägyptischen Unternehmen nach den
Unruhen weit besser als erwartet entwickelten: Die Börse in Kairo legte
im Jahresverlauf um mehr als 23% zu. Nach vereinzelten Gewinnmitnahmen halten
wir mit rund 18% noch einen bedeutenden, aber unterdurchschnittlichen Anteil ägyptischer
Unternehmen in unserem Aktienfonds BB African Opportunities. Unser Fokus liegt
derzeit auf überregional ausgerichteten Unternehmen, die ihre Erträge
in Nordafrika und in den Golfstaaten erwirtschaften und die einen Grossteil
ihres Einkommens in US-Dollar erzielen. Auch die Banken sind gut für einen
Aufschwung gerüstet. Daneben richten wir unseren Fokus auf Spezialsituationen,
so wie im Februar die Übernahme von Mobinil durch France Télécom.
Herr Bou-Diab, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Thomas J. Caduff, Chefredaktor.
| Zur Person
Malek Bou-Diab ist libanesisch-schweizerisches Doppelbürger und stiess
Mitte 2009 als Senior Portfolio Manager für den Bereich New Markets zu
Bellevue Asset Management. Dort hat er die Verantwortung für den Aktienfonds
BB African Opportunities inne. Davor managte Malek Bou-Diab bei Julius Bär
einen Afrika-Fonds. Von 2003 bis 2007 arbeitete er als quantitativer Risiko-Analyst
bei der Deutschen Bank in London. Malek Bou-Diab promovierte in theoretischer
Physik an der ETH Zürich. Er verbrachte einen Grossteil seiner Jugend
im Mittleren Osten, wo er eine international ausgerichtete Ausbildung genoss
und Arabisch und arabische Literatur studierte.
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