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Interviews

[2012.06.22]  Mit Pierre-Olivier Pourcelot von Reyl Asset Management,
  Zürich

Fragen an Pierre-Olivier Pourcelot, Vertriebs- und Marketingleiter, Mitglied des Exekutivkomitees von Reyl Asset Management, Zürich, www.reyl-am.com

Herr Pourcelot, die Schuldenkrise ist für Anleger zu einem Dauerthema geworden und stellt das klassische Schema der Wertpapierauswahl in Frage. Welche neuen Gegebenheiten müssen Investoren künftig berücksichtigen?

Wie immer man es auch bezeichnet - Wandel, Übergang oder gar Revolution - für Anleger besteht ein dringender, von den Folgen der Schuldenkrise diktierter Handlungsbedarf für die Anpassung ihrer Asset-Allokation. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist die Verteilung der verschiedenen Anlageklassen in den Portfolios institutioneller Investoren praktisch gleich geblieben. Sie besteht einerseits zum Grossteil aus Obligationen, überwiegend Staatsobligationen, die traditionell eine sichere Basisrendite garantierten, und andererseits aus Aktien und schliesslich Immobilien. Nun hat die Schuldenkrise aber nicht nur die Sicherheitsgarantie von Staatsobligationen, die von angeschlagenen staatlichen Emittenten begeben werden, ausser Kraft gesetzt, sondern sie lässt auch die Renditen von Papieren schmelzen, die bislang noch als sicher galten. Anleger müssen daher heute zufriedenstellende neue Alternativen finden.

Welche Anpassungen empfehlen Sie angesichts der neuen Einschätzung von Obligationen als Anlageklasse, ihrer mangelnden Sicherheit und niedrigeren Rendite?

Anleger streben durch die Sicherheitskomponente in ihren Portfolios einen realen Kapitalerhalt an. Wir sehen deshalb Handlungsbedarf auf zwei Ebenen: Einerseits müssen sämtliche Investoren den Anteil von Obligationen im Portfolio senken. Denn es gibt keine ausreichend liquide Alternative, um dieses sicherste Portfoliosegment zu ersetzen. Andererseits empfehlen wir eine Umschichtung mit einem Schwerpunkt auf Unternehmensobligationen mit hohen Ratings sowie Staatsobligationen, deren Renditen im Einklang mit der Bilanzqualität des staatlichen Emittenten stehen. Die ausgewogene Verteilung auf diese beiden Anlageklassen stellt eine angemessene Liquidität sicher und senkt die Konjunkturanfälligkeit von Unternehmensobligationen. Dieser Grundsatz liegt auch der Anlagestrategie des Reyl Quality Bond Fund zugrunde, der 89 Prozent seines Vermögens in Unternehmensobligationen sowie einen hohen Anteil in Obligationen so genannter Schwellenländer wie Brasilien, Mexiko, Südkorea oder Katar investiert, die einen niedrigen Verschuldungsgrad aufweisen und höhere Renditen bieten als viele Industrieländer. Neben dieser Kernkomponente der Portfolio bestehen die traditionellen Satelliten-Segmente wie High Yield-, Schwellenländer- oder Wandelobligationen.

Empfehlen Sie angesichts der anhaltenden Unsicherheiten an den Aktienmärkten auch eine Verringerung der Exposure in Aktien?

Im Gegensatz zur Obligationenkomponente bin ich der Auffassung, dass der Aktienanteil leicht höher sein sollte, als dies bei den klassischen Allokationen derzeit der Fall ist. Wir empfehlen Anlegern die Gewichtung ihrer geografischen Allokation auf die Bedeutung der Länder in der Realwirtschaft abzustimmen – das heisst in Abhängigkeit von ihrem Bruttoinlandsprodukt und nicht ihrer Gewichtung in den Indizes.

Bedeutet dies, dass die Allokation auf Schwellenländeraktien erhöht werden sollte?

In der Tat. Will man das Gewicht dieser Länder in der Realwirtschaft besser abbilden, empfiehlt sich eine Aktien-Allokation mit einem höheren Anteil von Schwellenländeraktien. Die jüngsten Entwicklungen zwingen uns, die Dinge zu relativieren. Das Modell der Schwellenländer erfährt derzeit einen tiefgreifenden Wandel. Dieser ist ein langwieriger Prozess, und Anleger müssen diesem Aspekt bei ihrer Allokation Rechnung tragen. Während beim alten Modell Investitionen in Infrastrukturen im Mittelpunkt standen, z.B. in den asiatischen Ländern wie China oder in die Rohstoffförderung in Russland und in Brasilien, wird das neue, ausgereiftere Modell von der Inlandsnachfrage getragen. Wir implementieren die Rotation dieser Anlagethemen im Übrigen in unseren Schwellenländerfonds, die im Dreijahresvergleich eine der höchsten Renditen des Marktes erzielen.

Wird sich ausser den neuen Regeln für die Asset Allokation auch die Anlagestrategie ändern?

Gleichzeitig zum Paradigmenwechsel für die Asset Allokation ist in der Tat auch eine Art Misstrauen gegenüber der indexorientierten Verwaltung zu beobachten. Dies möchte ich am Beispiel des passiven Obligationen-Managements deutlich machen, dessen globaler Referenzindex bisher der Citygroup World Government Bond Index war. Bis vor Kurzem galt, je stärker sich ein Staat verschuldete, desto liquider und folglich attraktiver waren seine Obligationen für Investoren. Seit einigen Monaten betrachten Anleger diese Märkte jedoch mit anderen Augen. Sie haben begriffen, dass die Gewichtung eines Staates in einem Index umso höher ist, je stärker er sich verschuldet. Die USA, Japan und Italien repräsentieren zusammen mehr als 65 Prozent des Referenzindex. Dieser logische Effekt auf die Struktur von Indizes dieses Typs brachte die passive Verwaltung von Rentenprodukten in die Kritik. Und die Angst vor einem Verlust des Anlagekapitals infolge der hohen Risikokonzentration ist deshalb unverhältnismässig stark gestiegen. Wir haben frühzeitig reagiert und zur Optimierung der risikoadjustierten Rendite grundsätzlich auf eine Benchmark unabhängige Verwaltung in Kombination mit einer gründlichen Fundamentalanalyse gesetzt.

Herr Pourcelot, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Thomas J. Caduff, Chefredaktor.

Zur Person
Pierre-Olivier Pourcelot ist Vertriebs- und Marketingleiter, Mitglied des Exekutivkomitees von Reyl Asset Management. Bevor er zu Reyl Asset Management kam, war Pierre-Olivier Pourcelot von 2005 bis 2010 für Robeco (Suisse) S.A., von 2001 bis 2004 für Swisscanto in Zürich und von 1994 bis 2000 für HypoVereinsbank (UniCredit Group) in Zürich und München tätig. Pierre-Olivier besitzt einen Abschluss der EuroMed Management School in Marseille, der Hochschule Konstanz und des New York Institute of Finance. Er besitzt ferner die CEFA-Qualifikation (Certified European Financial Analyst).

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Leser fragen...

Ich leite eine Vermögensverwaltung auf der deutschen Seite des Bodensees, und wir haben einen Kooperationspartner in Zürich. Anfangs Juni beginnen wir mit der Formulierung der Anlagestrategie für das dritte Quartal. Während wir bezüglich Aktien und Anleihen eine klare Meinung haben, sind wir für den Bereich Rohstoffe ziemlich ratlos. Die Edelmetallpreise sind unter Druck, jener für Rohöl kommt nicht vom Fleck und Einschätzungen für Agrargüter und Industriemetalle waren noch nie einfach. Wir überlegen uns schon heute ernsthaft, Rohstoffe als strategisches Element in der Assetallokation bis auf weiteres zu streichen und stattdessen taktisch vorzugehen. Anderseits ist die Stimmung momentan dermassen gedrückt, dass sich vielleicht ein zaghafter Einstieg bald lohnen könnte. Sie merken aus meiner E-Mail: Ich habe echt Mühe, in diesen Wochen die Vermögensklasse Rohstoffe im Gesamtkontext einzuordnen. Deshalb meine Frage: Wie sehen Ihre Experten die weitere Entwicklung?
Dank einer Erbschaft bin ich zu einem (für meine Verhältnisse) schönen Vermögen gelangt. Ich würde mich als aktive selbstentscheidende Privatanlegerin bezeichnen. Mein Depot bewirtschafte ich mit ETFs und Fonds und dies mit ansprechendem Erfolg bei gleichzeitig vernünftigem Zeitaufwand. Nun möchte ich mir alles noch etwas einfacher machen und bin auf die Idee gekommen, einfach das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des entsprechenden Index mit anderen Indizes zu vergleichen – auch historisch – und so abzuleiten, ob ein Markt nun günstig oder teuer bewertet ist. Wenn dies wirklich so einfach wäre, würden es wahrscheinlich alle Anleger tun. Oder ist meine Idee super? Dies möchte ich gerne Ihre Experten fragen. Danke im Voraus.
Ich leite eine Vermögensverwaltung mittlerer Grösse. Wir sind auf dem Research-Verteiler einiger Banken und Broker. Sie können sich bestimmt vorstellen, wie viel Analysematerial in einer Woche zusammenkommt. Was für unsere Arbeit dabei aber deutlich zu kurz kommt, ist die Technische Analyse. Da scheint das Analyseangebot in Europa sehr dünn zu sein – im Gegensatz zu den USA, wo ich einige Jahre arbeitete. Kennen Ihre ETF- und Fonds-Experten vielleicht entsprechende Quellen?
In unserer Vermögensverwaltung haben wir zahlreiche Mandate, in denen ein Teil „Fixed Income“-Anlagen vorhanden sein müssen. Wir haben breitflächig in entsprechende ETFs investiert. Wir suchen aber für einige Kunden noch spezielle Ansätze wie beispielsweise CAT-Bonds und Wandelanleihen-Fonds. Ich habe gesehen, dass Sie dafür Experten haben (Deutschland und/oder Schweiz). Danke für ein paar Ausführungen dazu und ob es noch weitere Zinsanlagen in Form von Fonds gibt, die einen besonderen „Kick“ haben.
Als Vermögensverwalter werde ich seitens meiner Kunden dann und wann nach wirklichen Exoten-Investments gefragt, die idealerweise mittels aktiv verwalteten Fonds abgedeckt werden. Haben Ihre Experten zwei, drei solche Ideen zur Hand?
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