Fragen an Gérard Piasko, Chief Investment Officer und Mitglied der Geschäftsleitung, Bank Sal. Oppenheim (Schweiz), Zürich, www.oppenheim.ch
Die Wirtschaftszahlen aller Regionen der Welt haben sich in
den letzten Wochen weiter abgeschwächt. Kam das für Sie überraschend?
Nein, die Abkühlung war sogar stärker als erwartet. Die neuerliche
Schwäche der US-Wirtschaft zeigt nach dem bereits enttäuschenden
Arbeitsmarktbericht für April ebenso wie die rückläufige US-Industrieproduktion,
dass sich nun ausserhalb Europas die Wirtschaftsabschwächung akzentuiert.
In Europa hat zwar bei den griechischen Parlamentswahlen die Euro-feindliche
Syriza nicht gewinnen können. Aber das Hauptproblem Europas ist inzwischen
nicht mehr Griechenland, sondern Spanien – und eventuell bald Italien.
Sollte die Solidität des spanischen oder gar des italienischen Bankensystems
z.B. wegen Kapitalabflüssen noch mehr in Frage gestellt werden, müssten
politisch koordinierte Massnahmen ergriffen werden, um eine grössere
Finanzkrise zu verhindern.
Kann diese Schwäche in Europa mit Anlagen in Schwellenländern
kompensiert werden?
Nein, nun kommt auch das Wirtschaftswachstum der wichtigen Schwellenländer
deutlich zurück. Daher sinken die vorher beträchtlichen Zinsdifferenzen
gegenüber den USA, Deutschland oder der Schweiz via Leitzinssenkungen.
Dies setzt die Lokalwährungen der Emerging Markets unter Druck, die
vorher von der grossen Zinsdifferenz gestützt wurden. Wir sind daher
aus diesen Währungen ausgestiegen. Ebenfalls im Sinne des aktiven Währungsmanagements
haben wir für Mandate in Schweizer Franken wieder gegen einen schwächeren
Euro abgesichert, da die Euro-Risiken steigen.
Was machen Sie in diesem Umfeld mit Ihrer Aktienquote?
Die Anlageklasse Aktien ist historisch gesehen die volatilste bzw. risikoreichste
Assetklasse. Wir haben eine weitere Risikoreduktion beschlossen, und zwar
ebenfalls im Bereich Emerging Markets. Wegen der besonders in Schwellenländern
unter den Markterwartungen publizierten Wirtschaftszahlen z.B. in Brasilien,
China und Korea und den erwähnten steigenden Emerging- Markets-Währungsrisiken,
wurde die Aktienquote reduziert. Innerhalb der Aktien sollten weiterhin Sektoren
wie Nahrungsmittel oder Gesundheitswesen favorisiert werden – also
defensive, von der Weltwirtschaft relativ wenig abhängige Branchen.
Dazu favorisieren wir Dividendenfonds, die in Marktstresssituationen nur
etwa die Hälfte einer Gesamtaktienmarktkorrektur erleiden. Aktien mit
hoher Konjunkturabhängigkeit oder hoher Gesamtmarktabhängigkeit
wie beispielsweise Bankaktien meiden wir seit mehreren Jahren.
Was sind in diesem Umfeld die Alternativen?
Bei den Edelmetallen ziehen wir weiterhin Gold gegenüber den mehr von
der Wirtschaftslage abhängigen Metallen Silber oder Palladium vor. Das
Verhältnis von Gold gegenüber Silber hat sich seit rund einem Jahr
zugunsten von Gold verändert. Das könnte noch einige Zeit so weitergehen.
Welche Strategie verfolgen Sie bei den Obligationen?
Das wichtigste Ereignis der internationalen Obligationenmärkte war
in den letzten Wochen das Überschreiten des Renditehochs der 10-jährigen
spanischen Regierungsanleihen auf 7 Prozent. Sollten sich die Zinsmärkte
im Zuge der griechischen Wahlen nicht nachhaltig beruhigen, könnte sogar
das Investment Grade Rating von Spanien fraglich werden – z.B. bei
Renditen um 8-9 Prozent. Bei so hohen Finanzierungskosten wird die Verschuldung
Spaniens massiv steigen. Wir beobachten, dass die Verschuldungskrise keineswegs
gelöst ist und die Nachfrage nach qualitativ hohen Anleihen die Renditen
weiter sinken lässt. Deshalb ist eine Risikoreduktion auch im Obligationenbereich
angebracht, welche wir im Bereich Schwellenländer unternommen haben.
Herr Piasko, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Thomas J. Caduff, Chefredaktor.
| Zur Person
Gérard Piasko (52) ist seit April 2010 als CIO von Sal. Oppenheim
(Schweiz) für das Investment Office der Bank verantwortlich und seit
Mai 2011 in der Geschäftsleitung der Bank. Schon vorher hatte er diese
Funktion inne – während sieben Jahren bei der Bank Julius Bär.
Zuvor war der Jurist und Absolvent von Executive-Management-Programmen der
Berkeley University und der Columbia University elf Jahre bei der Credit
Suisse in Zürich, London und New York als Chefstratege tätig.
Die Bank Sal. Oppenheim jr. & Cie. (Schweiz) ist eine eigenständige
Bank innerhalb der Deutsche-Bank-Gruppe. Die Bank blickt auf eine über
220-jährige Geschichte zurück und wurde 1789 vom damals erst 17-jährigen
Salomon Oppenheim jr. als Kommissions- und Wechselhaus in Bonn gegründet.
Die Bank mit Hauptsitz in Zürich und einer Niederlassung in Genf konzentriert
sich auf das Private Banking für private und institutionelle Kunden
sowie externe Vermögensverwalter. Von ihren Standorten betreut die Bank
Kunden aus aller Welt, insbesondere aus der Schweiz, Europa, Osteuropa sowie
Lateinamerika. |
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