Aber „sichtbar“ zu sein, genügt nicht: Das Sichtbare muss positive Emotionen – Freude auslösen – beinhalten. Und dies ist nur möglich durch einen „Liebesakt“. Mann muss sich in den Menschen hineinfühlen, der es sehen kann und sich fragen wird, ob es ihm/ihr Freude machen wird. So etwas können nur grosse Künstler wie Bob Rauschenberg oder Jim Rosenquist. Designer und Grafiker können es fast nie: Das „Briefing“ ist der Killer der Liebe, weil es immer zielorientiert ist.
Liebe hat nur ein selbstverständliches und unausgesprochenes Ziel: Dem Empfänger unserer Liebe eine Freude zu machen und basta.
Architekt Luca Trazzi hat es mit seine X1-Maschine auch machen können: Form und Farben brachten zum ersten Mal Freude in die Küche. Die Maschine, wenn man sie anschaut, lächelt einem an: Magie der Kunst.
Die Illy-Gruppe produziert auch Wein, Tee, Schokolade, Marmelade, Eis, kandierte Früchte und Olivenöl. Wie bringt man dies alles unter einen Hut? Sie leben ja in der Schweiz.
Gruppo Illy ist unsere Familien-Holding: Damit haben wir das Motto „Schuster bleib bei deinen Leisten“ kaum erweitert. Unser Leisten sind, Qualität zu verstehen, zu beurteilen, repetierbar zu machen, zu produzieren. Am Ende geht es um ein kulturelles Drehbuch: Man lernt zu degustieren und kann damit man praktisch jedes Genussmittel beurteilen. Man lernt Leute kennen, die wie wir denken und diese Goethische Wahlverwandtschaften bringen uns zusammen, wie mit Luca Franzoni, der grosse Kakao-Kenner und Domori Vater oder Didier Jumeau Lafond, Tee Spezialist der dritten Generation und Kopf von Dammann Frères.
Vergessen wir dabei nicht, dass praktisch alle Genussmittel zuerst aus der Erde kommen. Pflanzen haben Ähnlichkeiten, die man sich kaum vorstellen kann: Viele Aspekte, die einen grossen Wein machen, sind fast gleich für einen grossen Kaffee oder Tee oder Kakao. Man spricht die gleiche Sprache.
Zum Wein bin ich eigentlich selber gekommen: Ich suchte einen Haus in der Toskana... und bin Winzer geworden!
Und im Endeffekt lebe ich weder in der Schweiz noch in der Toskana, sondern in meinem Auto, da ich dort die meiste Zeit verbringe! Zwischen Triest, Maloja, Cham, Montalcino und Mailand.
Sie sind ein Vollblut-Unternehmer. Woher nehmen Sie all diese Energie – gibt es da überhaupt noch Platz für ihre Hobbies wie beispielsweise das Helifliegen?
He, heee! (lächelt) Das ist das grosse Geheimnis: Das einfachste, was es gibt! Ich arbeite nicht. Ich spiele. Jeden Tag, den ganzen Tag, selbst in der Nacht. Ich spiele.
Vielleicht wurde ich vom Glassperlenspiel von Hermann Hesse beeinflusst. Bei Hesse endet es tragisch, weil damals alles tragisch enden sollte: Blödsinn, die „Hesse-Zeit“!
Das Leben ist ein Spiel, und wenn man dies wahrnimmt, dann kann man Freude sogar
bei einer Aktionärs-Generalversammlung erleben (was das Langweiligste der Welt
ist).
Und wenn man spielt, dann hat man Freude, an was man tut, und das grosse Geheimnis der Freude ist, dass Freude wieder Freude produziert: Dies löst ungeheuere Energie aus.
Ich freue mich, wenn ich meine Videos drehe, wenn ich sie montiere, wenn ich die Texte schreibe, wenn ich im Weingarten arbeite oder im Keller beim Winzern bin. Wenn ich eine Kaffeeplantage besuche, wenn ich meine Webseite entwickle, wenn ich von meinem Wein oder Kaffee erzähle, wenn ich dafür Komplimente bekomme. Ich freue mich immer und probiere diese Freude, an meine Mitmenschen zu übertragen, durch meine Produkte und meine Taten.
Helifliegen ist eine Passion: Es gibt nichts (was man alleine tun kann), was einem so ein Gefühl geben kann, wie einen Helikopter zu fliegen. Dafür habe ich leider zu wenig Zeit. Ich dachte, ich könnte ihn als Transportmittel als Ersatz fürs Auto nutzen. Aber einen solchen Luxus kann ich mir nicht leisten. So fliege ich ab und zu mit einem Freund, der mir das Steuer überlässt. Aber was sind es, vier oder fünf Stunden im Jahr?
Kommen wir zurück zum Thema Wein. Sie sind auch Winzer. Ich dachte, in Italien gäbe es schon genug Wein. Liege ich da total falsch?
Logisch liegen Sie falsch! In der ganzen Welt gibt es schon genug von allem!
Gerade darin liegt die Herausforderung, la sfida!
Und wenn ich mit meinen „sauteuren“ Weinen komme, wo die Produktion so viel kostet, weil ich mich entschlossen habe, eine Null-Kompromiss-Linie zu fahren, dann komme ich zur höchsten Herausforderung: Bin ich überhaupt fähig, Weine zu machen, die sich in dieser Preisklasse etablieren können? Meinen Sie nicht, dass man manchmal auch Angst haben könnte, alles falsch gemacht zu haben... in den letzten 14 Jahren?
Aber dann kommt ein Franzose an der „Vinitaly“... und stellt sich vor als der Präsident der „Internationalen Vereinigung der Önologen“... und lobt mit seinem Kollegen die Weine... und man sieht es an seinem Ausdruck, wie er sie wirklich schätzt... und dann weisst du, dass es doch nicht so falsch war.
Ja, Wein zu machen ist bis jetzt das schönste Abenteuer meines Lebens (wer weiss, was noch alles kommen wird?). Ich habe von einem Schäfer das Land gekauft und alle Reben selber gepflanzt. Ich habe sie wachsen sehen und ihre Trauben gelesen und sortiert. Ich habe sie in neuen Eichenfässern aus den Vogesen gekeltert und danach 34 Monate in Holzfässern gelagert, bis ich sie abgefüllt habe, die Etiketten mit Hilfe von Freunden geschaffen und danach habe ich gewartet, bis sie reif waren. Jetzt transformieren wir unsere Landwirtschaft in Biodynamik: Kann man sich etwas Schöneres vorstellen?
Und wenn ich den Wein präsentieren kann – meinen Bonsai-Wein – der aus dem dichtesten Weinberg der Welt kommt. Jetzt kann ich nur eins sagen: Ich habe gespielt und gelernt. Dabei habe ich eine riesige Freude erzeugt und das Resultat schmeckt allen.
Wissen Sie, ich schaue und beobachte mit viel Aufmerksamkeit meine Mitmenschen und habe gemerkt, dass ich nur einer unter vielen bin, die es verstanden haben, dass Sachen, die mit Liebe und Freude gemacht worden sind, Liebe und Freude auslösen.
Alle diese Leute, seien es Künstler oder Winzer oder Käser oder Bauern, alle leben ein fantastisches Leben und erzeugen fantastische Produkte.
Herr Illy, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Thomas J. Caduff, Chefredakteur.
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